Tanz die Toleranz

Vom 3. bis zum 5. April 2014 wurde im MuTh, dem Konzertsaal der Wiener Sängerknaben das Projekt „Tanz die Toleranz“ mit der Teilnahme von Chorus Viennensis, Camerata Schulz und den Wiener Sängerknaben selbst, und mit der Unterstützung der Austrian Baroque Company aufgeführt. Knapp 70 nicht-professionelle TänzerInnen unterschiedlichen Alters (von sieben bis 70 Jahre alt), Geschlechts und Herkunft haben binnen vier Wochen unter der Leitung der Choreographin Monica Delgadillo Aguilar und ihres choreographischen Assistenten Sayed Labib zu einem der schönsten Musikwerke von J. S. Bach, der Johannespassion, intensiv geprobt.

„Mit dem Projekt `Tanz die Toleranz´ beschreitet die Caritas Wien seit 2007 neue Wege bei der sozialen Integration und ermöglicht neuartige Formen der zwischenmenschlichen Begegnung. Die Vision des Projekts ist es, jedem Menschen den Zugang zu Tanz zu ermöglichen, unabhängig von Talent und Erfahrung, Alter und Geschlecht, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit und sozialer Herkunft. Dabei steht die soziale Komponente gleichberechtigt neben der künstlerischen und bedeutet somit eine Bereicherung für diese Kunstform.“ Caritas Wien


TeilnehmerInnen der Mixed ability Group: Angelika Vötsch-Rosenauer, Aima Samatova, Ewa Gruszyk, Heidemarie Lamainee,  Isabella Baronyai, Madeleine Car (Leni), Martina Forstner, Patricia Laurer, Reinhold Fuhrmann, Sayyed Javid Hakim, Traute Vogl, Wiltraut Lerch.

Teilnehmerinnen aus den Einrichtungen der Caritas Wien für Menschen mit Behinderungen: Waltraud Grabel, Angela Besunk, Astrid Rief, Anna Rieger (Anni), Sonja Tony.

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Beim Interview im Augarten


Ich möchte Dir eine Geschichte erzählen. Es ist zwar eine kurze Geschichte, aber sie beinhaltet das Wertvollste, das ich, wäre ich gezwungen, es wegzugeben, nie weggeben könnte.
Ich möchte Dir Erinnerungen schenken. Sie gehören nicht nur mir, sondern wurden mir von denen geschenkt, die zum Teil dieser kurzen Geschichte und zum Teil des Wertvollsten geworden sind, das ich in der inklusiven „Mixed Ability Group“ im Rahmen des Projektes „Tanz die Toleranz“ erleben durfte.

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Aima

Einige Lebensereignisse geraten schneller in Vergessenheit, bei anderen hingegen bleibt das Gefühl, als wären sie erst gestern passiert. Meine Teilnahme an dem Projekt „Tanz die Toleranz“, hat einen solchen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Es kommt mir so vor, als ob ich mich erst gestern zu den Proben beeilt hätte, herzliche Gespräche mit den Gruppenteilnehmern geführt und in einer komplett anderen, bisher mir unbekannten Umgebung gewesen wäre. Einer Umgebung, in der Feinfühligkeit, Rücksicht, Ehrlichkeit und Offenheit in einer Gruppe von Menschen – der inklusiven Mixed Ability Tanzgruppe harmonisch miteinander vereint wurden. Der Eindruck der Erlebnisse in dieser Gruppe war derart stark, dass meine Erinnerungen an diese Zeit für immer unauslöschlich sind.

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Astrid, Aima und Anni

Ich bin sehr froh, dass ich die Teilnehmer der Mixed Ability Group kennengelernt habe. Ich habe vieles während des Projektes gelernt und bin unter anderem offener geworden. Es war so schön, wie wir auf einander aufgepasst haben, dass jeder rechtzeitig vor dem Bühnenauftritt hinter den Kulissen steht, dass wir einander immer gefragt haben, wie es ihr oder ihm geht. Wenn ich auf der Universität bin, fällt mir dieser Kontrast besonders stark auf, wie jeder auf sich selbst konzentriert ist, da viele Beziehungen einfach oberflächlich sind. Die Stimmung in unserer Gruppe war hingegen absolut anders. Jeder hat sich unverfälscht für den anderen interessiert. Schon unser erster Probentag war für mich etwas ganz Besonderes. Ewa (29), Polen, studiert Raumplanung

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Ewa

So bin ich in die inklusive Gruppe gekommen

Seit Kurzem erst beschäftige ich mich mit dem Thema Disability. Meine Neugier führte mich zu Menschen, die Projekte in diesem Bereich organisieren. Ihr Engagement hat mich selbst dazu inspiriert, mich an ähnlichen Projekten zu beteiligen. Dank unseres Beisammenseins während der herausfordernden Probezeit, unserer Gespräche und unseres Verhaltens untereinander wurde ich zu einem intensiven Nachdenken über soziale Inklusion angeregt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass soziale Inklusion aus unserem Verhalten zueinander entsteht; aus unseren Bemühungen um das Verständnis davon, dass wir alle in unserer Andersartigkeit mit unterschiedlichsten Fähigkeiten dennoch gleichwertig sind.

Ich habe gedacht, dass an diesem Projekt nur professionelle Tänzer teilnehmen werden und ich als unprofessionelle Tänzerin noch am ehesten eine Chance in einer Mixed Ability Group hätte (Lacht). Deswegen fing ich an, lange Bewerbungen zu schreiben (Lacht). Als mir mitgeteilt wurde, dass ich aufgenommen war, war ich total glücklich. Meine Freunde waren so froh für mich, weil sie dachten, dass ich wegen meiner besonderen Fähigkeiten aufgenommen wurde. Leni (25), Oberösterreich, Schauspielerin

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Leni

Eigentlich war meine Teilnahme an dem Projekt eher ein Zufall. Ich wollte nur etwas mit Tanzen zu tun haben. Ich habe auch gewusst, dass für mich nur die Erwachsenengruppe oder die Mixed Ability Group in Frage kommen. Ich habe zu den Organisatoren gesagt, dass es mir egal ist, welcher Gruppe sie mich zuteilen. Schon damals hat mich aber die Mixed Ability Group sehr interessiert, obwohl ich mir nicht wirklich vorstellen konnte, welche Menschen in der Gruppe sein würden. Sind das Menschen im Rollstuhl, blinde Menschen oder mit mentalen Einschränkungen? Ich habe mich im Endeffekt sehr gefreut, dass ich der Mixed Ability Group zugeteilt worden bin. Traute (32), Wien, Agrarpädagogin, arbeitet mit Menschen mit Behinderungen in einer Gärtnerei.

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Traute

Für mich war die Bezeichnung unserer Gruppe als Mixed Ability Group einfach unikal. Sie hat uns, die Teilnehmer der Gruppe, genau widergespiegelt. Wir wurden nicht einfach in Menschen mit und ohne Behinderungen eingeteilt, sondern als Ganzes wahrgenommen, als Menschen mit verschiedenartigen Fähigkeiten, die allesamt zum Gelingen einer gemeinsamen Sache beitragen.

Mich hat die Mixed Ability Group angesprochen, weil es da weniger um persönliche Profilierung geht, als mehr um das Gemeinschaftsgefühl  der Teilnehmer untereinander. Ich habe schon bei ähnlichen Projekten mitgewirkt und genau dieses gemeinsame Erarbeiten eines Endergebnisses hat mir so gut gefallen. Wiltraut (73), Vorarlberg, ohne Beschäftigung und trotzdem viel beschäftigt.

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Leni, Wiltraut und Waltraud

Ich habe schon gewusst, dass es so ein Projekt gibt und wollte schon lange mitmachen. Als ich dann endlich dafür Zeit hatte, überlegte ich mir, bei welcher der beiden Gruppen ich gerne teilnehmen wollen würde, da beide – Erwachsenen und Mixed Ability Group – noch Teilnehmer suchten. Als ich noch darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich eigentlich viel lieber in die Mixed Ability Group möchte. Nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte, habe ich bei meiner Chefin um Urlaub für den Zeitraum angesucht. Meine Kolleginnen waren verwundert darüber, dass ich mir für so etwas Urlaub nehme. Isabella (39), Wien, arbeitet in der Administration des Mutter-Kind-Haus Luise der Caritas Wien.

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Anni, Isabella und Leni

Bei mir war die Kombination aus verschiedenen Dingen einfach ideal. Als ich gesehen habe, dass es eine Mixed Ability Group gibt, wollte ich unbedingt teilnehmen, weil ich an sich schon immer irgendwie meine „Scheu“ vor behinderten Menschen ablegen wollte und mich aber nie auf die nächste Stufe getraut habe, direkt mit ihnen zu arbeiten. Deshalb war der Zugang über Kunst ideal, die mich an sich sehr interessiert und insbesondere Tanz, den ich noch nie ausprobiert habe, um mit so verschiedenartigen Menschen in Berührung zu kommen. Martina (29), Wien, Lehrerin für Spanisch und Deutsch

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Astrid, Javid und Martina

Ich habe schon ein paar Aufführungen mit Menschen mit Behinderung gesehen. Einmal habe ich eine Aufführung des Vereins „Ich bin OK“ gesehen, bei der Menschen mit Down Syndrom aufgetreten sind. Es hat mir so gut gefallen, wie herzlich sie sind und wie durch diesen kreativen Ausdruck die Entwicklung der Menschen mit Behinderung gefördert wird. Ich habe mir danach gedacht, dass ich gerne einmal bei einem solchen Projekt mitarbeiten möchte. Es war wie ein Geschenk des Himmels, als ich dann gefragt wurde, ob ich bei dem „Tanz die Toleranz“-Projekt mitmachen möchte. Ich bin sehr froh, dass ich ein Teil der Mixed Ability Group war! Angelika (49), Wien, Trainerin und Coach im Bildungsmanagement

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Waltraud mit Angelika

Lasst die Zuschauer denken, dass alles so geplant wäre

Ich habe es schön gefunden, diese Vielfältigkeit zu empfinden. Ich habe es genossen, mir vorzustellen, wie wir alle gemeinsam auf der Bühne aussehen, unabhängig davon, ob wir alle Bewegungen richtig machen. Am Anfang unserer Proben schien es uns, dass wir es nie schaffen würden, alle Bewegungen synchron durchzuführen. Ich habe mich dann gefragt, warum wir eigentlich alles synchron machen sollen, nur weil es die Choreographie so verlangt? An einem unserer Probentage hat unsere Choreographin Monica zu uns gesagt: „Macht euch keine Sorgen, wenn es einmal nicht korrekt und synchron zu sein scheint. Bewegt euch einfach weiter und macht die nächste Bewegung. Lasst die Zuschauer denken, dass es so sein soll und es unsere Choreographie ist.“

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Monica

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Bei einer unseren Aufführungen ist etwas Unvorhergesehenes passiert. Während unseres Teiles nahm ich Astrid immer an der Hand. Einmal blieb sie mitten auf der Bühne stehen und bewegte sich nicht mehr. Dann habe ich mich gefragt: „Verdammt, was mache ich nun jetzt? Wir müssen von der Bühne hinunter! (Lacht). Isabella

Isabella mit Astrid

Sei es, dass nicht alles gelingt, sei es, dass wir uns auf der Bühne irren und ein bisschen durcheinander aussehen – das spielte alles keine Rolle. Wir erhaschen einen Blick der anderen Person und alles ist gut. Die Musik spielt weiter, ins Gesicht brennen Scheinwerfer, vor uns im Dunkel sitzt das Publikum und wir bewegen uns auf der Bühne alle gemeinsam im Tanz einfach weiter.

Ich habe bei dem Projekt irrsinnig viel gelernt. Man lernt natürlich toleranter, aber auch flexibel zu sein, was verschiedene Situationen angeht. Da ist man im normalen Leben sonst eher darauf getrimmt, dass alles so zu funktioniert hat, wie andere es wollen. Hier lernten wir wirkliche Flexibilität, einfach, dass manche Dinge nicht so funktionieren, wie sie geplant waren; aber das müssen sie dann manchmal auch nicht. Man muss sich einfach darauf einlassen können. Genauso ist es beim Tanzen auch! Wenn manches nicht so klappte, wie es vorgesehen war, hat jeder trotzdem rein aus dem Gefühl heraus gewusst, wie er zu reagieren hat. Man konnte eigentlich wieder selbst sein. Martina

Diese Toleranz, die sich bei den Teilnehmern entfaltet hat, besteht teilweise darin, dass es erlaubt und in Ordnung war, dass man Fehler macht. Ich finde sogar, dass Fehler sein müssen, weil man sich nur so entwickeln kann. Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft Menschen mit Behinderungen mehr beachtet. Man kann so viel von ihnen lernen. Man muss mehr unternehmen, um Menschen mit Behinderungen zu inkludieren, damit wir sehen, dass es eine Alternative zur Leistungsgesellschaft geben kann. Warum muss man immer so perfekt und leistungsfähig sein? Es wäre viel besser, wenn die Gesellschaft in dieser Hinsicht toleranter wäre. Ich fühle mich auch viel wohler, wenn man Fehler machen kann, wenn man sich einmal gehen lassen und weinen kann. Ich bin so froh, dass ich bei diesem Projekt mitgearbeitet habe. Ich arbeite nebenbei auch immer im psychosozialen Bereich, da ich diesen Teil der Gesellschaft brauche, der versteckt wird, damit ich sehe, dass ich auch anders leben kann und nicht vollkommen verhärten muss. Ich möchte nicht so sein wie diese Leistungsgesellschaft. Ich fühle mich wohl mit Menschen mit Behinderungen. Das muss ich wirklich sagen. Angelika

Wir haben einander gespürt, einander Zeichen gegeben, unsere Hände leicht berührt, einander gelenkt. So haben wir es geschafft. Es hat funktioniert. Wir machten unseren Teil der Aufführung zu Ende und gingen stolz und schweigend von der Bühne zu den Kulissen. Sobald wir unsere Garderobe betraten, fingen wir an zu jubeln, einander fest zu umarmen, einander zu einem weiteren kleinen Sieg zu gratulieren, besprachen unsere Bewegungen lachend und einander unterbrechend. Nach einiger Zeit schauten wir auf die Uhr und danach auf den Plan unseres nächsten Auftrittes, schauten ob alle da sind, nahmen die Tanzpartnerin an die Hand und machten uns wieder auf den Weg zur Bühne.

unsere liebste mixed group TdT 2014
Unser Garderoben-Selfie

Überwindung der „Grenzen“

Meiner Meinung nach kann nur dasjenige Unterfangen nicht funktionieren, das tatsächlich nicht dazu fähig ist. Man soll an Projekten ruhig zweifeln, man muss nur offen genug dafür bleiben, Neues auszuprobieren.

Das Projekt „Tanz die Toleranz“ ist der Beweis dafür, dass, wenn man versucht, Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und besonderen Bedürfnissen in einem Prozess zu vereinen, man es bereits geschafft hat, die „Grenzen“ im eigenen Bewusstsein zu überwinden. Die „Grenzen“, die uns immer wieder im Leben hindern, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind, ohne Scheu, Angst oder Misstrauen.

Interessant war die Meinung meines Freundes, dass die Menschen mit besonderen Bedürfnissen im Mittelpunkt der Aufführung stünden. Ich habe ihn dann gefragt, wie er das meinen würde, da ich diese Aussage nicht verstand. Daraufhin habe ich ihn gefragt, wie viele seiner Meinung nach bei dem Projekt mitgemacht hätten. Er konnte fast genau sagen, wie viele. Ich habe mir danach gedacht, dass es eigentlich egal ist, wer was ist. Für uns als Teilnehmer der Mixed Ability Group war es nicht offensichtlich, wer im Mittelpunkt der Aufführung stand. Wir haben uns als Ganzes empfunden.

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Angela mit Traute
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Anni mit Javid

Es ist schön, wenn man einfach das Leben anderer Menschen von einer bisher unbekannten Seite kennenlernt; dass man mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen auch arbeiten kann, aber gleichzeitig sehe ich es auch wieder nicht als so etwas Besonderes. Das liegt vielleicht daran, dass ich in dem Bereich bereits gearbeitet habe. Traute

Und die Kinder! Wie sie vor dem Bühnenausgang unsere Astrid, Anni, Waltraud und Angela geholt und bei der Hand genommen haben! Es hat super funktioniert! Das ist einfach das, was ich auch meinen Kindern empfehle, ohne Schock und Scham auf andere Menschen zugehen zu können, ganz egal, wie der oder die andere ist. Isabella

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Traute, Aima und Isabella mit den Kindern

Einfach umarmen

Stelle dir einen sonnigen Tag vor. Du bist so fröhlich, dass stehend an der Haltestelle oder gehend auf der Straße, hast du den großen Wunsch, Passanten einfach anzulächeln oder sie zu umarmen. Ich habe es mir vorgestellt, aber das Größte, wozu ich mich bisher getraut hätte, war es, Passanten oder jemanden, der mir gegenüber in der U-Bahn sitzt, nur anzulächeln. Die meisten Menschen lächeln zurück, aber sehr zurückhaltend. Es ist wirklich schade, dass es in unserer Gesellschaft nicht üblich ist, Passanten zu umarmen und Unbekannte anzulächeln.

Ich habe mich in unserer Gruppe wahnsinnig wohl gefühlt. Ich habe das Gefühl gehabt, dass jeder sein darf, wie er ist und so auch akzeptiert wird. Ich selbst erlebe diese Akzeptanz nicht so oft. Die Umarmungen von Menschen mit besonderen Bedürfnissen mitzuerleben war etwas Einzigartiges! Sie umarmen immer unerwartet, aber so fest und ehrlich. Das war wirklich etwas Besonderes und verlieh unserem Zusammensein eine warme und freundliche Atmosphäre. Heidemarie (55), Wien, Kunsttherapeutin

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Heidemarie
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Astrid und Anni
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Astrid, Anni, Aima und Ewa
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Anni und Javid
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Wiltraut, Anni und Martina

Echtsein ohne Scheu

Es kommt mir vor, dass alle Menschen in irgendwelche Rahmen hineingezwängt werden: in den Rahmen des Anstandes, in den Rahmen, etwas oder jemandem würdig zu sein, in den Rahmen irgendwelchen externen Anforderungen zu entsprechen. Bei all diesem Anpassen verlieren wir in uns etwas sehr Wichtiges. Das, was uns angeboren ist. Bis vor kurzem konnte ich nicht erkennen, was es ist, das mir persönlich abhandengekommen war. Während unserer Proben, der gemeinsamen Wartezeit in der Garderobe und unserer Aufführungen habe ich plötzlich für mich das Verlorene wiedergefunden: meine echten Emotionen.

Ich finde es so toll, wie Menschen mit Behinderungen so ungefiltert ihre Emotionen zeigen und einfach genau das tun, was sie gerade wollen. Wenn sie sich gestresst fühlen – weinen sie, wenn sie aufgeregt sind — weinen sie auch und klammern sich an. Man kann irrsinnig viel von ihnen lernen, das man im Alltag bereits verlernt hat. Angelika

«Mixed Ability Group“ ist eine sehr passende Bezeichnung, weil sie genau zeigt, dass wir in unserer Gruppe viele verschiedene Fähigkeiten vereinen. Was mich besonders berührt hat, war als Sonja zu Monica, unserer Choreographin sagte: „Monica! Wir sind so stolz auf dich und du machst deine Arbeit so super!“ Das ist eine Fähigkeit, die wir nicht haben oder erst wieder erlernen müssen, aber so offen würden wir ohne unsere aufgesetzen Masken nicht einfach Emotionen zulassen. Dafür haben wir aber andere Fähigkeiten, die uns ausmachen. Das ist einfach total schön. Traute

Besonders in Erinnerung ist mir unser letzter Auftritt geblieben, als Waltraud unerwartet auf der Bühne in Tränen ausgebrochen war. Sobald wir hinter den Kulissen waren, fragten wir sie, was denn los war und warum sie weinen würde. Unter Tränen antwortete sie: „Das war ja unser letzter Auftritt!“

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Waltraud mit der Betreuerin Patricia

Wenn Fürsorge zur Gewohnheit wird

Oft sagten Teilnehmer anderer Projektgruppen, dass bei uns ein ganz besonderes Gruppenklima vorherrschen würde. Wir gingen miteinander so rücksichtsvoll und behutsam um, als hätten wir einander schon lange vor dem Projekt gekannt. Einige Menschen wundern sich, wenn man sich um sie kümmert oder ihnen ungezwungen hilft. Einige fühlen sich dabei unwohl und bedanken sich endlos. Einige denken, dass, wenn man ihnen einmal geholfen hat, sie die Hilfe in Zukunft erwidern werden müssen.

Die meisten Teilnehmer unserer Gruppe sind den Umgang mit Menschen mit Behinderungen bereits gewöhnt: sei es beruflich, im familiären Bereich oder in einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Als Freiwillige verbringe ich seit einem Jahr einige Stunden in der Woche mit schwerbehinderten Kindern und Jugendlichen und habe mir nie zuvor Gedanken darüber gemacht, wo dieser beharrliche Wunsch in mir herkommt, mich um andere Menschen kümmern zu wollen. Wenn man mit Menschen mit Behinderungen arbeitet, hat man nicht den Anspruch, dass, wenn einmal Hilfe benötigt wird, sie diese leisten werden. Bei den Kindern und Jugendlichen, die ich freiwillig besuche, ist der Sprechapparat beeinträchtigt und so drücken sie ihre Dankbarkeit durch Lächeln und feste Umarmungen aus. Manchmal nehmen sie auch meine Hand und legen sie an ihre Wange. Es gibt nichts Herzlicheres und Ehrlicheres für mich, als diese Zeichen der Dankbarkeit.

Wenn man mit Menschen mit Behinderungen arbeitet, wird man selbst herzlicher und offener. Man fängt von selbst an, Menschen zu umarmen. Ich habe es bei mir auch so beobachtet. Diese Fürsorge für andere kommt dann automatisch. Ich war mit Waltraud ein Stück zusammen tanzen und sie hat manchmal verwechselt, mit welchen Bewegungen es weiter gehen soll. Dann habe ich sie angestupst, damit es in die richtige Richtung geht. Es war so lieb, dass sie es dann selbst in die Hand genommen hat. Angelika

Ehrlich bleiben

Als ich vor der Teilnahme an dem Projekt Menschen mit Behinderungen begegnete, bemerkte ich jedes Mal, dass ich eine seltsame Scheu empfand. Es war keine Berührungsangst. Ich habe eine Art von Schuldgefühl ihnen gegenüber gehabt. Ein Gefühl der Ungerechtigkeit, das sich bestimmt in meinem mitleidigen Blick, in meiner übermäßigen Rücksicht auf sie, in meiner übermäßigen Fürsorge, und der automatischen Bereitschaft alles für sie zu tun, äußerte. Als ich anfing, Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen zu betreuen, ist mir eines klar geworden: Ein Kind wird sich einem gegenüber solange distanziert verhalten, wie man es mitleidig ansieht und es übermäßig umsorgt. Es will sich gleich wie jeder andere fühlen und man soll ihm das Gefühl geben, dass es gleich wie jeder andere ist. Man muss mit ihm ehrlich bleiben.

Zusammensein in der Gruppe war für mich überraschend angenehm. Es war sogar wunderbar! Es war so erfrischend, weil ich in Wien eigentlich ziemlich alleine bin, sehr viel alleine. Ich bin ja auch viel älter als die meisten hier. Ich habe gemerkt, dass das viele Lachen erfrischend ist! Man kommt bei dem Projekt aber auch an die eigenen Grenzen. Ich mag Menschen mit Behinderungen unheimlich gern. Ich habe einen herzlichen Zugang zu ihnen und keine Berührungsangst. Ich möchte aber immer etwas verändern oder besser gestalten. Manchmal gibt es aber keine Möglichkeit zur Veränderung. Ich musste Waltraud zwei Mal bei einer Sache korrigieren. Danach habe ich gemerkt, dass der Umgang mit ihr anders geworden ist, einfach ehrlicher und echter. Diese Erfahrung war sehr schön und vor allem wertvoll. Wiltraut

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Wiltraut und Anni

Ich fand es so schön, wie Wiltraut gesagt hat, dass man auch manchmal an die eigenen Grenzen kommt und merkt, dass man ehrlicher sein muss oder es dann automatisch wird. Mir ist es auch so gegangen. In unserer Garderobe war eine Situation mit dem Mineralwasser. Ich habe zu Waltraud gemeint, dass es mein Wasser ist. Sie war aber der Meinung, dass es ihr Wasser ist. Mir ist es nicht darum gegangen, dass es meines ist. Ich wollte nur, dass alle das Wasser verwenden können. Ich bin daraufhin etwas laut geworden und irgendwer hat dann zu mir gesagt: „Ah, hör‘ doch auf. Sie ist doch wie ein Kind. Sie versteht es nicht.“ Ich habe dann gesagt: „Nein! Ich würde mit einem Kind genauso streiten. Das kann Waltraud auch aushalten.“ Wäre ich nicht müde gewesen, hätte ich vielleicht anders reagiert. In diesem Moment habe ich mich aber geärgert. Nachher war es wieder in Ordnung. Ich finde, man darf auch dann ruhig oder laut sein, genauso, wie man es zu anderen auch ist. Eben diese Ehrlichkeit finde ich sehr schön. Traute

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Aima, Anni und Traute

Im Nachhinein denke ich, dass ich nächstes Mal beim Umgang mit Menschen mit Behinderungen viele Dinge anders machen würde. Ich glaube am Ende bin ich Astrid mit meiner Fürsorge wirklich am Keks gegangen (Lacht). Isabella

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Astrid
Angela
Angela

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Am Interview teilgenommen: Ewa, Traute, Heidemarie, Leni, Martina, Angelika, Wiltraut, Isabella.

Interviewerin und Textverfasserin: Aima Samatova